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Landschaftsmythologie - Mit Kurt Derungs auf Forschungsreise

Wie erkenne ich einen heiligen Berg oder Hain, was können mir bestimmte Merkmale in einer Landschaft sagen, wie verbinde ich mich überhaupt wieder stärker mit der Natur? Im Interview gibt der Ethnologe und Reiseführer Kurt Derungs erhellende Antworten

Herr Dr. Derungs, Ihr Fachgebiet ist Landschaftsmythologie. Was ist darunter zu verstehen?

Die Landschaftsmythologie befasst sich mit der kulturgeschichtlichen Naturverbundenheit der Menschen früher und heute. Mit dieser Methode lässt sich eine Region umfassend darstellen. Fragestellungen sind beispielsweise, ob es einen heiligen Hain, Steinsetzungen, einen Hügel als Nabel der Landschaft, einen heiligen Berg, Kulthöhlen oder Quellen gibt. Auch Sonnen- und Mondstände sind bedeutend, ebenso jahreszeitliche Rituale, die oft mit einem Ort verbunden sind. Nachdem man so einen Überblick über die Landschaft gewonnen hat, werden die Plätze aus ethnologischer Sicht gedeutet und miteinander vernetzt. Dadurch lässt sich ein archaisches Weltbild und ein naturbezogenes Denken früherer Kulturen gewinnen, was für uns heute sehr erkenntnisvoll ist, da wir unbedingt eine andere Einstellung zur Natur brauchen.


Sie bieten auch geführte Wanderungen und Reisen an, z.B. in die Bretagne. Was erwartet die Teilnehmer da? Können Sie einige Aspekte skizzieren? 

Die Bretagne ist wie Irland und Schottland eine Landschaft voller Kultplätze und mythischer Sagen, die sich z.B. auf Flüsse, Quellen, Steine und Hügel beziehen. Auch das Meer spielt natürlich eine grosse Rolle, so soll die heilige Anna, die Beschützerin der Bretagne, übers Meer gekommen sein – eine schöne Erinnerung an die keltische Göttin Ana/Dana. Auch die Insel Sena ganz im Westen ist spannend. Dort gab es noch in römischer Zeit prophezeiende Frauen, die schamanische Praktiken pflegten. Ausserdem besteht hier am Ende Europas eine Sage von einer untergegangenen Stadt, was auf eine alte Zivilisation hinweist. Ferner besuche ich mit den Teilnehmenden die faszinierenden Grosssteinanlagen (Megalithen) der Westküste wie z.B. Carnac. Diese sind zwar archäologisch gut erschlossen, jedoch immer noch ein Rätsel und landschaftsmythologisch kaum betrachtet. Ich werde den Leuten ausserdem verborgene Orte zeigen, die weniger bekannt sind, jedoch ihren geheimnisvollen Zauber bewahren konnten. So z.B. Opfersteine und heilige Hügel, von denen es in der Bretagne interessanterweise recht viele gibt. Ebenso werden in der Bretagne seltsame Heilige verehrt wie der hl. Cornely, der an den keltischen Gott Cernunnos erinnert, oder eine Maria mit drei Brüsten, welche wie die hl. Anna auf eine alte Muttergöttin hinweist. Und schliesslich werden wir auch die bretonische Landschaft selbst erleben – Stimmungen von Nebel, Wolken und Sonne, wie sie nur am Atlantik möglich sind.


Eine weitere Zeitreise führt nach Süddeutschland. Was ist hier der thematische Schwerpunkt?

Die Studienreise führt auf die Schwäbische Alb, die eine der ältesten Kulturlandschaften Europas ist. Wir besuchen z.B. Blaubeuren mit den umliegenden Höhlen, wo vor ein paar Jahren die älteste, menschliche Frauenfigur der Welt entdeckt wurde. Nebst der Höhlenkultur werden wir auch verschiedene Höhenkultstätten besuchen, so den Ipf, den Hohenkarpfen, den Teckberg oder den Mägdeberg. Die beiden letzten Plätze sind sehr stark mit dem Dreifrauenkult verbunden, der weit in die (vor)keltische Zeit zurückreicht. Die sagenumwobenen drei Jungfrauen sind sogar noch sichtbar – bei Herbrechtingen als emporragende Felsen. 
In die keltische Zeit führt uns auch der Besuch der Hügelkultur bei der Heuneburg an der Donau. Dort ist nicht nur der naturbezogene Totenkult von Interesse, sondern auch das landschaftliche Zusammenspiel von Anhöhe und Fluss, wie es in Europa oft vorkommt. Beeindruckend ist auch die Wanderung zum Heidentor, wo die direkte Naturverehrung der früheren Menschen greifbar wird. Hier wurden Opfergaben geborgen, die darauf schliessen lassen, dass die Spenderinnen und Spender das Felsentor als eine Art Zugang zur Anderswelt der Ahnen und Naturwesen betrachteten. Es sind letztlich elementare Fragen des menschlichen Daseins, die sich an solchen wundervollen Plätzen stellen, und die durch die landschaftsmythologische Naturphilosophie zugänglich gemacht werden können. Solche Erörterungen und Diskussionen der Teilnehmenden bereichern die Studienreisen sehr, sei es für die persönliche Erkenntnis oder einen kulturellen Zusammenhang. Dabei geht es immer auch um die gegenwärtige Situation: Wie gehen wir heute mit heiligen Naturorten um oder welches Verhältnis haben wir zum Reich der Toten? 


Worauf sollte sich jemand einstellen oder vorbereiten, der eine dieser Reisen mitmachen möchte?

Es gibt Leute, die sich nicht speziell vorbereiten, da jede Studienreise ohnehin eine lebhafte Einführung in das Thema Landschaftsmythologie ist. Zudem haben die Reisen einen bestimmten Aufbau und die besuchten Orte Themenkreise, die sich jeweils miteinander vernetzen lassen. So ist das (Wieder)-Erkennen gewährleistet sowie die Erinnerung an die einmaligen Stätten einfacher. Andere Personen wiederum haben sich schon mit Archäologie, Sagen, Ritualen oder Kultplätzen beschäftigt und möchten mehr und tiefergehender informiert sein. Manche Teilnehmende interessieren sich für Kelten, jahreszeitliche Festplätze, Kraft eines Orten oder Plätze mit einer matrifokalen Tradition. Je nach besuchtem Platz steht dann auch das eine oder andere Thema im Vordergrund, wenn z.B. ein Grabhügel den Bauch einer Erdgöttin darstellt. Mir ist es wichtig, dass die Leute verschiedene Sichtweisen kennenlernen und besondere Naturorte mit einer Kulturgeschichte differenziert betrachten. Das ist die eine Seite des Zugangs. Andererseits hat jede Person auch eine individuelle Beziehung zu einem Ort, der ihn in einer besonderen Art und Weise zugänglich macht. Viele Teilnehmende gehen daher nochmals zu einem ihrer Plätze, nachdem sie eine meiner Kulturreisen besucht haben. 

Was empfehlen Sie jemandem, der für sich selbst die Natur unter dem Aspekt der Landschaftsmythologie erforschen möchte?

Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um mit der Landschaftsmythologie dort zu sein, wo ich jetzt bin. Und ich lerne jeden Tag in diesem faszinierenden Thema etwas hinzu. Es braucht also Zeit, Offenheit und Neugierde, sich in ein sehr vielfältiges Thema einzuarbeiten. Das Hinterfragen ist dabei genauso wichtig wie das anspruchsvolle Denken, verschiedene Dinge vernetzt zu betrachten. Ich halte daher nichts von kurzen Beschäftigungen mit einer Landschaft. Nebst dem Wissen braucht es auch das Herz und die Liebe zu einer Landschaft. Das ist ein sehr wichtiger Faktor, damit sich die Orte einem erschliessen. Zum Kopf und zum Herz kommt schliesslich der Bauch, d.h. die Intuition, um plötzlich einen ganz anderen Gesichtspunkt von einem Ort zu erhalten. Auch die Inspiration braucht Zeit, und sie ist dann am erkenntnisreichsten, wenn sie mit den beiden anderen Sinnesebenen harmoniert. Leider sind solche Betrachtungsweisen der modernen Wissenschaft abhanden gekommen, obwohl es neuere Bestrebungen der Landschaftsarchäologie gibt, Sichtweisen der Landschaftsmythologie zu berücksichtigen, wie am Beispiel der Himmelsscheibe von Nebra erkennbar ist. Gut ist zudem auch, wenn jemand weiss, was ein landwirtschaftliches Jahr ist und die Zyklen der Jahreszeiten erlebt hat. Daraus ergeben sich unschätzbare Wahrnehmungen von der Natur, die z.B. auch in traditionellen Überlieferungen geschildert werden. 

(Interview: Christian Salvesen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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